BUCHREZENSIONEN. FILMKRITIKEN. ZITATESAMMLUNGEN.

1. September 2023

GEFÄHRLICHE ABSTIMMUNG IM INTERNET - WER SOLL STERBEN? REZENSION "ANONYM" VON URSULA POZNANSKI UND ARNO STROBEL


HANDLUNG "Du verabscheust deinen Nachbarn? Du hast eine offene Rechnung mit deiner Ex-Frau? Du wünschst deinem Chef den Tod? Dann setze ihn auf unsere Liste und warte, ob die anderen User für ihn voten. Aber überlege es dir gut, denn manchmal werden Wünsche wahr." 
Es ist der erste gemeinsame Fall von Kommissar Daniel Buchholz und seiner Kollegin Nina Salomon, und er führt sie auf die Spur des geheimnisvollen Internetforums «Morituri». Dort können die Mitglieder Kandidaten aufstellen und dann für sie abstimmen. Dem Gewinner winkt der Tod. Aber das Internet ist unendlich, die Nutzer schwer zu fassen. Nur der Tod ist ausgesprochen real, und er ist näher, als Buchholz und Salomon glauben…

ERSTER SATZ Sie stoßen ihn in den Dreck und reißen ihm alles vom Leib.

MEINE MEINUNG Industriespionage und Sabotage sind ein ernstzunehmendes Problem, das gemeinsam mit dem Diebstahl von IT-Ausrüstung und Daten der deutschen Wirtschaft mehr als 200 Milliarden Euro Schaden verursacht (Quelle: Tagesschau). Es ist erschreckend, wie kinderleicht Cyberkriminalität sich seitens der Täter in die Realität umsetzen lässt. Anders als vor ein paar Jahren, als das Gesicht für einen Raub bestenfalls unter einer dunklen Maske unkenntlich gemacht werden konnte, verstecken sich Täter heutzutage hinter ihrer Anonymität und gefakten IP-Adressen im Netz, wo gewiefte Experten kaum Spuren hinterlassen und die Beweislast beunruhigend gering ist. Diese Thematik greifen Poznanski und Strobel in ihrem neuen Thriller "Anonym" auf.

TITEL Der Titel des Romans ist perfekt gewählt. 2/2

COVER Das Cover zeigt den Hamburger Hafen als Symbolbild für den Schauplatz der Geschichte. Ansonsten eher nichttsaggend und unaufregend. 1/3

INHALTSANGABE Der Aufhänger der Inhaltsangabe ist spannend, geht dann jedoch über in eher unspektakuläres Geplänkel, das der Romanidee nicht gerechtwerden kann. Die platte Aussage: “Das Internet ist unendlich, die Nutzer schwer zu fassen”, gibt einen Vorgeschmack darauf, dass sich die Beamten bei den Ermittlungen mit der Geschwindikeit eines Faultiers fortbewegen und keine Details zu fassen bekommen, die der Geschichte die erwünschte Wendung geben könnten. 2/4

IDEE Die Idee der Geschichte stützt sich auf die unzureichenden Sicherheitsmaßnahmen der digitalen Welt und führt uns vor Augen, wie sich fehlender Schutz vor Internetbetrügern auswirken kann. Ein Internetforum im Darknet macht Schlagzeilen, nachdem der Mord eines Anwalts darin angekündigt wurde. Der perfide, anonyme Täter fordert dazu auf, über das Forum Vorschläge einzureichen, wer als nächstes sterben soll und lässt die Leser dann abstimmen, ehe er als die “gerechte Hand”, als die er sich selbst wahrnimmt, die Tat vollstreckt. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt und die beiden Kriminalbeamten Nina Salomon und Daniel Buchholz müssen auf jedes Detail achtgeben, um aus der Anonymität des Internet sinnvolle Schlüsse zu ziehen. Das gewisse Etwas, der Biss der Geschichte, hat mir leider an einzelnen Stellen deutlich gefehlt. Mangelnde Details führen hier zu Punktabzug. 2/4

UMSETZUNG Zu Beginn des Romans treffen die beiden Kriminalbeamten Salomon und Buchholz zum ersten Mal aufeinander und können sich offensichtlich schon auf den ersten Blick nicht gut riechen. Für meinen Geschmack viel zu schnell wandelt sich die Beziehung in eine seltsame “Freundschaft”, die zum Ende hin einige Fragen offenlässt. Die Geschichte gewinnt nur sehr langsam an Fahrt und gleicht einem schlecht gemachten Tatort. Das Katz-und-Maus-Spiel ist wenig aufschlussreich und einleuchtende Erkenntnisse bleiben aus. Die Auflösung ist für den aufmerksamen Leser knapp und vorhersehbar, wenn auch nicht langweilig. Beide Kriminalbeamte erzählen aus ihrer Perspektive, während nur vereinzelt Ausschnitte aus der Täterperspektive einen Einblick in das Innenleben eines Mörders geben sollen. Die Darlegungen bleiben nichtssagend. Die Vorgehensweise in den Ermittlungen ist nicht nur zäh, sondern auch unrealistisch und teils unprofessionell. 1/4

SCHREIBSTIL Die unterschiedlichen Perspektiven der beiden Polizisten sind interessant. Welcher der beiden Autoren was geschrieben hat, bleibt dabei unklar, einen eindeutigen Unterschied konnte ich nicht erkennen; beide sind weder negativ noch positiv herausgestochen. Besonders dadurch, dass die Ereignisse sich im Kreis drehen, fühlt sich die Geschichte sehr langatmig an und bietet kaum Potenzial zum Miträtseln. 2/5

CHARAKTERE Unsere beiden Kriminalbeamte Nina Salomon und Daniel Buchholz sind ein sehr unterschiedliches Paar. Nina Salomon ist spontan und impulsiv, Daniel Buchholz ein totaler Kontrollfreak, der sich seine Schuhe maßanfertigen lässt. Es fiel mir schwer, mit Nina und ihrer temperamentvollen Art warmzuwerden, erst recht, je weiter die Geschichte voranschreitet. Sowohl Nina als auch Daniel beide können nicht allein sein und suchen verzweifelt nach (körperlicher) Nähe. Die Autoren versuchen den Charakteren Leben einzuhauchen, was an sich gut gelingt, doch scheint die Charakterentwicklung teils hastig. Die Beziehung entwickelt sich schlagartig, nachdem sich zuvor andeutet, dass die beiden sich nicht ausstehen können. Intelligente Schlussfolgerungen bleiben bei beiden aus, sodass keine Thriller-Gänsehaut aufkommen kann. 1/3

GESAMTEINDRUCK Während die Idee wirklich bei mir punkten konnte und einiges an Potenzial innehatte, hat mich die zähe Umsetzung enttäuscht. Die Geschichte selbst ist spannend und könnte, wenn sie denn an Schwung gewinnen würde, an die Nieren gehen. Das Thema ist durch die innewohnende Aktualität packend und beklemmend zugleich. Der Täter nutzt die Sensationslust und Indeskretion der breiten Masse aus und versucht dadurch eine starke Botschaft: Hinter der Anonymität des Internets lässt es sich leicht verstecken - und das birgt nicht wenige Risiken.

11/25 - Ein unbekannter Täter, der sich hinter seiner Anonymität versteckt.

Spoilerwarnung: Der kommende Absatz enthält Details, die die Handlung des Buches betreffen und möglicherweise den Lesegenuss beeinflussen könnten.

SPOILERALARM Dass Nina ständig meint, alles im Alleingang erledigen zu müssen, ist abartig nervig. Welche ernstzunehmende Polizistin würde sich für polizeiliche Ermittlungen mit zwielichtigen Typen aus Darknet-Foren verabreden und schöne Augen machen, geschweige denn sich selbst für den eigenen potenziellen Tod zu nominieren, ungeachtet aller Konsequenzen?

Der Onkel von Sandra ist verständlicherweise nach ihrem Tod sehr aufgebracht. Aber einem Polizisten damit zu drohen, dass er keine Ruhe mehr finden wird, weil er den Tod der Nichte nicht verhindern konnte, nachdem sie in Gewalt des irren Täters gekommen war, ist mir schlicht unbegreiflich und an Surrealismus nicht mehr zu überbieten.

Kein einziger Polizist reagiert auf die letzte Abstimmung, bei der ein “überkorrekter Beamter, der für seinen Erfolg über Leichen geht” zur Abstimmung steht. In dieser Sekunde war mir sofort klar, dass es sich dabei um Daniel handeln muss. Wie man als Leser auf den Trichter nicht kommen kann, ist mir ein absolutes Rätsel. Der Spannungshöhepunkt kündigt sich dementsprechend vorab an, was dem Finale einiges an Potenzial raubt.

Tom ist von Anfang an unscheinbar. Für das aufmerksame Auge des geübten Lesers zu unscheinbar. Ein unmenschliches, wenn auch psychologisch interessantes Finale. Es ist aber auch zu schön, dass sich Toms' Handschellen im entscheidenden Moment verhaken und er so praktischerweise zum Selbstmörder wird.

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