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28. August 2023

WER SOLL DIR JETZT NOCH GLAUBEN: REZENSION "FAKE" VON ARNO STROBEL



HANDLUNG Patrick Dostert freut sich auf einen freien Tag mit seiner Frau Julia, als noch vor dem Frühstück zwei Beamte der Kripo Weimar vor der Tür stehen. Patrick bittet sie herein, und von einer Minute zur anderen ändert sich alles für ihn. Er wird verdächtigt, drei Tage zuvor eine Frau misshandelt und entführt zu haben. Patrick hat ein Alibi für die Tatnacht, doch der einzige Zeuge, der ihn entlasten könnte, bleibt unauffindbar. Und die beste Freundin des Opfers belastet ihn schwer. Patrick beteuert seine Unschuld, bis das Video auftaucht. Das Video, in dem er zu sehen ist. Das ihn überführt. Obwohl er das Opfer noch nie gesehen hat. Aber das glaubt ihm keiner. Er kommt in Haft, soll verurteilt werden. Und kann absolut nichts tun, denn Bilder sagen mehr als tausend Worte. Oder?

ERSTER SATZ Sie hat es sofort gewusst, als er zur Tür hereingekommen ist.

MEINE MEINUNG Ich habe die Geschichte in der App unserer Bücherei gefunden und als Hörbuch gehört. Es fiel mir unheimlich schwer, die Geschichte nicht in einem Rutsch durchzuhören. In den letzten Monaten habe ich Thrillergeschichten für mich entdeckt, muss aber auch gestehen, dass ich so etwas Grausames vor dem Einschlafen nicht lesen könnte.

TITEL Der Titel passt in dem Fall sehr gut zur Geschichte, vermutlich hätte es kein besseres Schlagwort geben können. 2/2

COVER Das Cover ist sehr einfach gehalten und gewinnt sicherlich keinen Schönheitspreis, erfüllt lediglich seinen Zweck. 1/3

INHALTSANGABE Die Inhaltsangabe gelingt im Grunde gut, nimmt der Geschichte aber auch dadurch etwas Spannung, dass das ihn überführende Video bereits genannt wird, was sich allerdings im Roman erst gegen späte Mitte der Geschichte herauskristallisiert. 2/4

IDEE Die Idee hat mich von Anfang an überzeugen können. Der Protagonist, Patrick Dorsten, scheint von Seite eins an ein liebevoller Ehemann zu sein, der seiner Frau jeden Wunsch von den Lippen abliest. Und dennoch steht eines Morgens die Polizei vor seiner Tür und stellt merkwürdige Fragen über das Verschwinden einer Frau, von der Patrick behauptet, sie nicht zu kennen. Im Laufe der Geschichte verdichtet sich die Beweislage um seine Person, während Patrick seine Unschuld beteuert. 4/4

UMSETZUNG Die Geschichte gewinnt nur zäh an Fahrt, ist aber dennoch spannend. Patrick Dorsten wirkt wie ein aufrichtiger Mann und passt partout nicht ins Profil des frauenfeindlichen Täters. Sehr spannend ist daher, dass seine Unschuld dem Leser über die Dauer der Geschichte bewusst ist und sich die Frage ableitet, wer ihm die schrecklichen Taten anhängen will. Patricks’ unschuldige Perspektive ist auch deshalb so interessant, weil Strobel sehr realistisch darstellt, wie für den eigentlich im sozialen Umfeld geschätzten Protagonisten Freundschaften zu bröckeln beginnen, Kollegen sich gegen ihn wenden und sein Kreis der Vertrauten immer kleiner wird. Die Konsequenzen dessen, dass seine vermeintlichen Taten im Netz veröffentlicht und von Fremden diskutiert werden, gehen unter die Haut. Die Geschichte dreht sich leider im Kreis und wird mit zahlreichen nichtssagenden Dialogen gefüllt. Die Arbeit der Polizei wirkt unprofessionell und lückenhaft. Die Auflösung der Geschichte wirkte inszeniert, mehr dazu in meiner neuen Kategorie “Spoileralarm”. 2/4

SCHREIBSTIL Der Schreibstil ist sehr neutral und sachlich; bis auf einige wenige emotionale Reaktionen auf Wendungen der Geschichte bleibt die Sprache nüchtern. Die Einschübe aus der Gegenwart wirken anfangs sehr holprig und überflüssig. Es wird fast zwanghaft versucht, Spannung aufzubauen. Die Einschübe werden aus der Ich-Perspektive erzählt, während der Hauptteil als Personaler-Erzähler berichtet. Es ist der Geschichte dienlich, wirkt aber bis zum Ende hin unpassend und unterbricht den Fluss der Geschichte. 3/5

CHARAKTERE Die Kommissarin Hensch ist ein interessanter Charakter. Beim ersten Zusammentreffen unscheinbar und praktisch mundtot entwickelt sie sich zur skeptischen Polizistin, die gelegentlich persönlich wird, aber dennoch keine relevante Rolle einnimmt. Vielmehr ist der männliche Polizist Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Patricks’ Ehefrau Julia ist sehr verständnisvoll und hält zumindest anfangs zu ihrem Mann. Doch je mehr sich die Beweislage verdichtet, desto skeptischer wird sie gegenüber Patrick. Ihre Figur wirkt flach und klischeehaft. Patrick Dorsten als Hauptfigur dieser Geschichte hat mich definitiv von der Ausarbeitung am meisten überzeugt, gleichzeitig erfahren wir verhältnismäßig wenig über seine Vergangenheit. Der Fokus liegt ganz klar auf den Anschuldigungen und dem Fall der verschwundenen Frau. 1/3

GESAMTEINDRUCK Ein gewöhnlicher Mann wird verdächtigt, für das Verschwinden einer Frau und später für den Mord an deren Freundin verantwortlich zu sein. Besonders spannend war für mich die Perspektive des unschuldigen Verdächtigen, der verzweifelt gegen Anschuldigungen ankämpfen musst, während sich die Schlinge um seinen Hals eher zieht und die Lage zuspitzt. Das Ende war für mich wahrlich unerwartet.

15/25 - Ein überzeugender Psychothriller, der den Leser an der Nase herumführt.

Wer den Roman bereits gelesen hat oder dies nicht mehr vorhat, kann gerne noch weiterlesen und sich damit vertraut machen, was ich über einige Details des Romans gedacht habe. Hier wird allerdings dementsprechend auch nicht Halt gemacht vor Spoilern.

SPOILERALARM Ich hatte von Anfang an Peter als Täter im Kopf. Als enger Vertrauter von Patrick erfährt er die Neuigkeiten um den Fall zuerst. Sein Motiv allerdings war mir bis zum Ende ein absolutes Rätsel. Aber Peter verhält sich alles andere als freundschaftlich und ich hatte sogar den Eindruck, dass er Gefallen daran finden würde, mit Julia die Beziehung von der freundschaftlichen Ebene aus zu intensivieren. Zwischendurch hatte ich Angst, dass Julia vom Mörder ebenfalls zum neuen Opfer auserkoren werden würde.

Ich empfand es als unangenehm, wie sehr Peter auf der Pirsch nach Julia zu sein scheint. Er sagt: “Sie ist genauso meine Freundin wie du es bist”, während Julia Patrick gegenüber äußert: “Peter ist ja eigentlich dein Freund.” Well, das hat sich ja dann bestätigt, als ans Licht kam, dass Julia und Peter ein Verhältnis miteinander hatten.

Als am Ende ans Licht kam, dass Patrick der Mörder ist, war ich komplett baff. Die logische Folgerung war dann jedoch, dass die Hauptgeschichte vom Erzähler verändert und angepasst wurde. Als Leser habe ich mich zugegebenermaßen verarscht gefühlt, eben weil es ohne die Täuschung nicht zu einem entsprechenden Ende hätte kommen können. Ich fand die leise Gesellschaftskritik an Fake News und damit einhergehenden Deep Fakes, also gefakten Videos, zu schwach, zumal die Polizisten nicht mal auf die Idee kommen, dem nachzugehen bzw. die Echtheit des Videos bestätigen - offenbar ohne davon auch nur eine leise Ahnung zu haben.

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